Rhythmische Kraftfelder
Artikel aus dem TÜV SÜD Journal 4/2010
![]() | Handys, Medizingeräte oder elektronische Sicherheitssysteme im Auto: Elektronikgeräte machen unser Leben komfortabler und sicherer. Doch die unsichtbaren Wellen aus Radios oder Flachbildschirmen bereitet vielen Menschen Angst. Mit hochmoderner Technik prüft TÜV SÜD, ob Grenzwerte eingehalten werden – und sorgt dafür, dass sich die Geräte nicht gegenseitig stören. |
Niemand kann sie sehen, hören, riechen oder schmecken. Vielleicht haftet ihr deshalb etwas Mystisches, beinahe Unheimliches an. Elektromagnetische Strahlung ist in unserer modernen Gesellschaft allgegenwärtig. Allein das Wort! »Strahlung« – das klingt in Ansätzen radioaktiv, mindestens aber gesundheitsschädlich.
Aber wer möchte schon sein Handy missen, den Kühlschrank ausstecken oder auf die vielen kleinen elektrischen Helfer im Alltag verzichten? Wo immer solche Geräte im Einsatz sind, entstehen Kraftfelder. Elektromagnetische Felder sind eine Kombination aus elektrischen und magnetischen Energien, die ihre Stärke und Richtung in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus ändern können und damit unterschiedliche Frequenzen aufweisen. So arbeiten Handys zum Beispiel im hohen Funkfrequenzbereich, Computerbildschirme im Mittelfrequenzbereich und Stromleitungen im Niederfrequenzbereich.
In elektromagnetische Felder gebettete Herzen
Elektromagnetische Strahlung ist dabei nichts künstlich Geschaffenes. Schon der Mensch ist elektromagnetisch: »Selbst bei Abwesenheit äußerer elektrischer Felder fließen im menschlichen Körper winzige elektrische Ströme«, erklärt die Weltgesundheitsorganisation WHO. »So leiten beispielsweise die Nerven ihre Signale in Form von elektrischen Impulsen weiter, die meisten biochemischen Reaktionen, von der Verdauung bis zu den Gehirnaktivitäten, werden von einer Umlagerung geladener Teilchen begleitet.« Und wer schon einmal ein EKG, ein Elektrokardiogramm, in Anspruch genommen hat, weiß, dass auch der menschliche Motor, das Herz, in ein elektromagnetisches Feld gebettet ist.
Woher kommt also die Angst mancher Menschen, zu viel Strahlung würde ihre Gesundheit beeinträchtigen? »Wir leben in einer elektronischen Welt, die Zahl neuer Anwendungen nimmt zu und auch wenn alte aussterben: natürlich steigt damit auch die Nutzung elektromagnetischer Felder und mit ihr die Exposition«, sagt Rüdiger Matthes, Leiter der Arbeitsgruppe Nicht-Ionisierende Strahlung beim Bundesamt für Strahlenschutz BfS. Zum Beispiel durch mobiles Telefonieren: »Sowohl die Nutzung von Handys als auch von schnurlosen Festnetztelefonen hat in der Bevölkerung im Vergleich zur letzten Befragung im Jahr 2006 signifikant zugenommen und liegt aktuell bei 88 beziehungsweise 91 Prozent«, schreibt das BfS in seinem Abschlussbericht 2007 zur »Ermittlung der Befürchtungen und Ängste der breiten Öffentlichkeit hinsichtlich möglicher Gefahren der hochfrequenten elektromagnetischen Felder des Mobilfunks«.
Eine gehörige Portion Realismus
Das Ergebnis der Studie zeigt allerdings: Unter den 2.500 Befragten nimmt die elektromagnetische Strahlung innerhalb einer Reihe von potenziellen gesundheitlichen Risikofaktoren eher eine untergeordnete Stellung ein. Vor allem Sendemasten machen den Menschen Sorgen. »Mit Abstand bedrohlicher erscheint der Bevölkerung jedoch der Verzehr von Fleisch unbekannter Herkunft, gefolgt von gentechnisch veränderten Lebensmitteln, Luftverschmutzung, Nebenwirkungen von Medikamenten, UV-Strahlung, starkem Zigarettenrauchen und übermäßigem Alkoholgenuss«, schreibt das BfS. Aus einem Potpourri an Gefahren scheinen also diejenigen am bedrohlichsten, die man unmittelbar am eigenen Körper erfahren kann. Dennoch richtet die Forschung einen Großteil ihrer Arbeit auf Studien zum Thema Mobiltelefonie und deren Gefahren. Vom »Forschungsbericht: Kindergesundheit und Mobilfunk« des Forschungszentrums Jülich über »Hirntumore in nordeuropäischen Ländern und Mobilfunk« der Dänischen Gesellschaft für Krebsbekämpfung bis hin zur »Untersuchung der Schlafqualität bei elektrosensiblen Anwohnern von Basisstationen unter häuslichen Bedingungen« der Technischen Universität Graz. Einhelliges Fazit: kein Hinweis auf gesundheitsschädigende Einflüsse der elektromagnetischen Felder. Auch in der von der WHO koordinierten und Ende Mai veröffentlichten Interphone-Studie wurde kein Zusammenhang festgestellt zwischen Handynutzung und dem Risiko, an einem Tumor im Kopfbereich zu erkranken. Nach Einschätzung der Internationalen Agentur für Krebsforschung der WHO, IARC, bestätigt die viel zitierte Studie damit eine Vielzahl von bereits vorliegenden Untersuchungen.
Also alles heiße Luft? Jein. 25.000 Artikel seien in den vergangenen 30 Jahren auf dem Gebiet biologischer Effekte und medizinischer Anwendungen nicht-ionisierender Strahlung veröffentlicht worden, rechnet die Weltgesundheitsorganisation vor. »Auch wenn manche Leute das Gefühl haben, es müsste mehr Forschung betrieben werden, sind die wissenschaftlichen Kenntnisse auf diesem Gebiet heute umfangreicher als die über die meisten Chemikalien«, so die WHO. Allerdings, so schränken die Genfer ein, gebe es noch einige Wissenslücken bei biologischen Effekten, was weitere Forschungen nötig mache.
Gleichzeitig gibt es enge Grenzwerte, in Deutschland in der 26. Bundesimmissionsschutzverordnung fixiert. Demnach sind Grenzwerte für niederfrequente elektrische und magnetische Felder mit 50 Hz (Haushaltsstrom) und 16 2/3 Hz (elektrifizierte Verkehrssysteme) und hochfrequente elektromagnetische Felder ab 10 MHz festgelegt. Diese Werte seien so gewählt, so das BfS, dass nach heutigem Kenntnisstand, »die bisher wissenschaftlich nachgewiesenen gesundheitsschädlichen Risiken durch elektromagnetische Felder auch bei dauerhaftem Einwirken nicht auftreten«.
Das alles gilt nicht nur für das sensible Konstrukt Mensch, sondern auch für elektronische Produkte, die vor elektromagnetischen Strahlen und damit auch vor sich selbst geschützt werden müssen. Denn elektromagnetische Störungen werden von so gut wie jedem elektronischen Gerät erzeugt, weshalb die EU die Richtlinie 2004/108/EG sowie eine entsprechende CE-Kennzeichnungspflicht verbindlich für alle Hersteller solcher Produkte vorgibt. Das heißt: Jedes Produkt darf nur begrenzte elektromagnetische Störungen verursachen, sodass der Betrieb anderer Geräte gewährleistet ist, und es sollte seinerseits nicht störanfällig sein.
Prüfen, damit der Herzschrittmacher im Takt bleibt
»Störaussendung und Störfestigkeit«, bringt es Stefan Kammerl, Leiter Vertrieb und Marketing von TÜV SÜD Senton auf den Punkt. »Ein Beispiel: Wenn jemand mit seinem Auto unter einem Funkturm durchfährt, darf nicht plötzlich der Airbag ausgelöst werden – eine solche Störung wäre lebensbedrohend.« Auch ein Herzschrittmacher darf nicht aus dem Takt geraten, weil ein Kühlschrank anspringt. Zugegeben, die Beispiele sind leicht überzeichnet. Damit so etwas aber nicht passiert, prüft TÜV SÜD Senton die elektromagnetische Verträglichkeit der Produkte.


