Luxusgut Erdöl?
Artikel aus dem TÜV SÜD Journal 4/2010
![]() | Erdöl ist keine unendliche Ressource. Wann das »schwarze Gold« nicht mehr sprudelt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Mineralölunternehmen müssen immer schwerer zugängliche Quellen anbohren, für den Verbraucher wird es teuer. Parallel läuft die Suche nach geeigneten Alternativen mit Hochdruck. |
Die Ära des Erdöls wird zu Ende gehen, da sind sich Experten sicher. Nicht sicher sind sie, wann der Tag X eintreten wird. »Auch in 100 Jahren werden wir noch Erdöl fördern, aber definitiv nicht mehr in diesen Mengen wie heute«, sagt Hilmar Rempel von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Wird Erdöl dann nur noch in Fläschchen oder portionsweise verkauft? Solche Szenarien erscheinen noch in weiter Ferne, doch Wissenschaftler der »Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO)« schlagen Alarm: Erdöl wird sich zu einem kostbareren und knappen Gut entwickeln. Bereits 2013 erwarten Experten einen dramatischen Erdölengpass, ein Preis von 200 Dollar pro Barrel sei realistisch, so die Experten des britischen Think Tanks »Chat-ham House«. Bisher erreichte der Ölpreis im Jahr 2008 mit 147 Dollar pro Barrel ein historisches Hoch.
Fest steht, dass irgendwann der »Peak Oil« erreicht sein wird. Darunter verstehen Experten das Erreichen des Maximums in der globalen Erdölförderung. Die Vorhersagen klaffen dabei weit auseinander: Die US-amerikanische Energiebehörde schätzt, dass das Fördermaximum schon 2005 überschritten wurde, die BGR ist optimistischer. »Wir gehen davon aus, dass Peak Oil bei günstigen Bedingungen zwischen 2030 und 2035 eintritt«, erklärt Rempel. Rund 160 Milliarden Tonnen Erdöl sind in den derzeit bekannten Lagerstätten weltweit vorrätig – bei rund vier Milliarden Tonnen Verbrauch pro Jahr. Doch eine Reihe von unsicheren Faktoren erschwert die Vorhersagen. »Wir wissen nicht, wie sich Technologien und Nachfrage in den nächsten Jahren entwickeln«, so der Energieexperte.
Einfacher lässt sich die Frage nach den heutigen Erdölvorkommen beantworten: Das Gesamtpotenzial an konventionellem Erdöl einschließlich noch nicht erschlossener Quellen liegt laut der BGR-Studie »Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen« bei einer Höhe von 405 Milliarden Tonnen. »Die größten Erdölvorräte befinden sich im Nahen Osten. Dort gibt es immer noch große Felder, die nicht erschlossen sind«, sagt Rempel. Im Ranking der Regionen mit dem größten Gesamtpotenzial der Ressource folgen die GUS-Staaten und Nordamerika. »Dabei sind in Nordamerika fast zwei Drittel des erwarteten Gesamtpotenzials bereits gefördert, während in der GUS dieser Anteil nur bei gut einem Drittel und im Nahen Osten nur bei einem knappen Viertel liegt«, so die Studie.
Naturbelastung steigt
Klar bleibt: Der Vorrat an konventionellem Erdöl schrumpft und wird in absehbarer Zeit die Nachfrage nicht mehr decken. Dann könnte die Ära des sogenannten unkonventionellen Erdöls anbrechen: teure, technisch nur sehr aufwendig förderbarere Rohstoffe wie Ölsand oder Schwerstöl. Hauptfördergebiet für Ölsand ist Kanada. Problematisch: Die Rohstoffe müssen aufwendig aufbereitet werden, damit das Öl verarbeitet werden kann. Beispielsweise wird Ölsand in 30 Metern Tiefe gefördert und dann in den Raffinerien unter Einfluss von Hitze, Wasser und Zentrifugen in eine schwarze, zähe Masse verwandelt. Das sogenannte Bitumen bildet die Basis für synthetisches Rohöl.
Für die Natur ist die Förderung von Ölsand ein regelrechtes »Abpressen«: Wälder müssen gerodet werden, durch unterirdischen Abbau werden dem Erdreich kaum regenierbare Schäden zugefügt, außerdem verschlingt die Produktion Unmengen an Wasser. Die Abwässer, die bei der Produktion entstehen, sind gefährlicher Giftmüll. Die Ausbeute dagegen ist gering, oft liegt der Ölgehalt des Sandes unter zehn Prozent.
Kompliziert nachgebohrt
Vor zusätzlichen Herausforderungen stehen indes die großen Mineralölgesellschaften: Vorbei sind die Zeiten, in denen Erdöl leicht zugänglich zu fördern war. Die Bohrer müssen immer weiter in die Tiefe, auch vor klimatisch extremen Gebieten wie Alaska machen die Förderer nicht mehr halt. Spezielle Verfahren ermöglichen es seit einigen Jahren, den Aufbau des Untergrundes bis in Tiefen von 6.000 Meter dreidimensional zu erkunden. Auch im Bereich der Erdölförderung hat sich die Technik in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt – wie etwa bei den sogenannten Horizontal-Bohrungen. Bis in einige Kilometer Tiefe erfolgt das Vordringen vertikal, dann wird im Bereich der öl- und gasführenden Schichten abgelenkt und horizontal weitergeführt. Diese horizontalen Abschnitte innerhalb der Ölschichten können bis zu einige Kilometer Länge erreichen. »Auf diese Weise kann man unheimlich große Strecken aufbohren und die Kontaktfläche zu den erdölführenden Schichten enorm vergrößern. Mit deutlich weniger Bohrungen können Mineralölunternehmen so die gleiche Menge an Öl fördern wie vor der Nutzung dieser Technologie«, so Rempel.
Neue Technologien können jedoch auch beachtliche Risiken bergen. Aktuelles Beispiel: die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, ausgelöst durch Bohrungen auf hoher See (offshore). »Das war eine Verkettung der unglücklichsten Umstände. Mensch und Technik haben versagt«, so Rempel. Künftige Offshore-Bohrungen hält der BGR-Experte trotzdem für relativ sicher. Voraussetzung: Die Technik muss auf dem neuesten Stand sein und das Personal bestens geschult.
»Nachwuchskraftstoffe« gewinnen an Fahrt
Doch nicht nur die Suche nach Erdöl in den Tiefen der Erde läuft auf Hochtouren – auch die Suche nach Alternativen. »Wir müssen das Erdöl verlassen, bevor es uns verlässt«, ist Dr. Werner Zittel, Energieexperte bei der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik überzeugt. So werden Tankfüllungen aus nachwachsenden Rohstoffen zunehmen. Endverbraucher Nummer eins für Kraftstoffe ist dabei nach wie vor der Verkehrssektor – denn auch der sparsamste Motor muss betankt werden. Allein in Deutschland entfielen mehr als 50 Prozent des Erdölverbrauchs im Jahr 2009 für Mobilität auf der Straße. Nach Meinung der Agentur für Erneuerbare Energien können derzeit nur Biokraftstoffe einen merklichen Beitrag zur Senkung des Erdölverbrauchs leisten. Dabei kamen im vergangenen Jahr in Deutschland gerade einmal 5,5 Prozent des Kraftstoffbedarfs aus Biokraftstoffen. Dies soll aber deutlich mehr werden: »Bis 2020 können Biodiesel, Pflanzenöl und Bioethanol aus nachhaltigem Anbau knapp ein Fünftel des hiesigen Kraftstoffbedarfs decken, ohne die Versorgung mit Lebensmitteln zu gefährden«, schätzt Jörg Mayer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien.
Zu den Biokraftstoffen zählen reines Pflanzenöl und Rapsölmethylesther (RME), kurz Biodiesel genannt. Meist auf Rapsbasis hergestellt, ist er seit Jahren ein gängiger Treibstoff. Seit 2004 kann er auch herkömmlichem Diesel bis zu fünf Prozent beigemischt werden. Eine weitere Alternative ist Bioethanol, das aus stärkehaltigen Rohstoffen wie Zuckerrüben, Getreide und Kartoffeln gewonnen wird. Üblich sind Beimischungen von bis zu fünf Prozent zum herkömmlichen Ottokraftstoff. Bioethanol und -diesel werden auch als Biokraftstoffe erster Generation bezeichnet.
Zur zweiten Generation zählen synthetische Biokraftstoffe, sogenannte Biomass-to-Liquid (BtL). Sie befinden sich allerdings noch in der Erprobungs- oder Forschungsphase, mit ihrer Marktreife wird bis 2015 gerechnet. Erdgasfahrzeuge können auch mit Methan aus aufbereitetem Biogas fahren. Die Vorteile der »Nachwuchs«-Kraftstoffe: Sie sind – bis auf Methan – flüssig, speicherbar und über das Tankstellennetz in der Fläche transportierbar. Bis 2020 sollen zehn Prozent der Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden, schreibt die Erneuerbare Energien-Richtlinie der EU vor.
Klimaschützer aus der Landwirtschaft?
Ein weiterer positiver Nebeneffekt von Raps, Zuckerrübe & Co: »Grüne« Kraftstoffe im Tank entlasten das Klima. Ihre Verbrennung setzt nur so viel Kohlendioxid frei, wie die Pflanzen im Wachstumsprozess gebunden haben. So helfen sie, Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Hundert Prozent klimaneutral sind sie allerdings durch den Herstellungsprozess nicht. Dennoch stehen die Energiepflanzen oftmals in der Kritik. Ihr Anbau gefährde die Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln und begünstige die Rodung von Regenwald, weil immer mehr Anbaufläche nötig wird. Allerdings werden derzeit nur zwei Prozent der weltweiten Ackerflächen für den Anbau von Energiepflanzen wie Raps, Mais, Zuckerrohr oder Ölpalmen genutzt. Trotzdem könnte die steigende Produktion von Biokraftstoffen vor allem in Entwicklungsländern das Abholzen von Wäldern begünstigen. Die Europäische Union hat daher Nachhaltigkeitsstandards für Biokraftstoffe erlassen. Für viele europäische Landwirte ist der Anbau von Raps, Zuckerrüben oder die Investition in Biogasanlagen zum zweiten Standbein geworden. So stammt Biomasse für Biodiesel in Deutschland kaum aus Importen, sondern zu 90 Prozent aus inländischer Produktion.
Back to the roots
Befeuert mit Biokraftstoff kehrt das Automobil übrigens zu seinen historischen Wurzeln zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts wäre noch niemand auf die Idee gekommen, kostbares Erdöl in den Tank zu füllen: Automobilhersteller Henry Ford betankte seinen Ford Modell T mit Spiritus. In Deutschland setzte Nicolaus Otto, Erfinder des Ottomotors, schon 1860 auf Kartoffelschnaps. Erfinderkollege Rudolf Diesel, auf den der Dieselmotor zurückgeht, testete im Jahre 1912 die Kraft aus der Natur: Er fuhr mit Erdnussöl statt Diesel.


