Gute Birnen am Golf von Bengalen
Artikel aus dem TÜV SÜD Journal 4/2010
![]() | Unternehmen aus Industriestaaten können Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern finanzieren und die eingesparten CO2-Emissionen als Zertifikate handeln. Das nützt nicht nur dem Klima: Der damit verbundene Technologietransfer schafft Know-how, Arbeitsplätze und ein neues Bewusstsein in Sachen Umweltschutz. |
Die Stadt mit dem Zungenbrechernamen Vishakhapatnam liegt an der Ostküste Indiens, direkt am Golf von Bengalen: eine prosperierende Metropole mit mehr als einer Million Einwohner, die aus Vishakhapatnam im alltäglichen Sprachgebrauch kurzerhand Vizag machen. Das ist bequemer und braucht weniger Zeit. Denn die Geschäfte in Vizag gehen gut. Die Stadt ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen des Landes. Sie ist eine Sonderwirtschaftszone mit einem Hafen, der sich rühmt, die Qualitätsnormen ISO 9001, ISO 14001 und OHSAS 18001 zu erfüllen – als einziger des Landes.
Seit Februar 2009 läuft hier ein Projekt der beiden deutschen Firmen Osram und RWE. Das Ziel: Insgesamt 700.000 Glühlampen will Osram aus den rund 580.000 Haushalten der Stadt einsammeln und durch Energiesparlampen ersetzen, teils kostenlos, teils stark verbilligt. Die alten Lampen sollen einem umweltgerechten Recycling zugeführt und durch den Austausch soll der CO2-Ausstoß deutlich gesenkt werden. Denn die Kraftwerke, die Vizag mit Strom versorgen, stoßen pro erzeugter Kilowattstunde rund 850 Gramm CO2 aus. Zum Vergleich: Die CO2-Emissionen je Kilowattstunde Strom in Deutschland betrugen im gesamten Energieträgermix rund 572 Gramm.
Viel erreichen mit relativ geringen Mitteln
Dass sich zwei deutsche Unternehmen um die Lichtverhältnisse in einer ostindischen Metropole sorgen, liegt weniger an der Menschenfreundlichkeit der Hersteller von Energiesparlampen, sondern vor allem am Kyoto-Protokoll. Osram und RWE – so wie viele andere Unternehmen der Industriestaaten auch – nutzen den im Protokoll fixierten sogenannten Clean Development Mechanism (CDM). CDM soll Anreize bieten, in Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern zu investieren. Dort kann man nämlich oft mit relativ geringen Mitteln viel erreichen. Unternehmen, die ein solches Projekt initiieren, erhalten als Entlohnung Klimaschutzzertifikate. Statt also im eigenen Land Emissionen zu reduzieren, investieren sie in Projekte in Indien, China oder Kolumbien und lassen sich die daraus resultierenden CO2-Einsparungen anrechnen.
CDM bringt Klimaschutz auf die Agenda
»Natürlich wünschen wir uns mehr Projekte im Bereich erneuerbare Energien und Energieeffizienz, damit eine Wirtschaftsentwicklung, die nicht auf dem Verbrennen klimaschädlicher Energieträger wie Erdöl, Erdgas und Kohle basiert, sichergestellt ist«, sagt Juliette de Grandpré, Referentin Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF in Berlin. »Darüber hinaus begrüßen wir zusätzliche Investitionen in kleine Projekte, die erfahrungsgemäß mehr zu einer nachhaltigen Entwicklung vor Ort beitragen«, so de Grandpré weiter.
Der pauschale Vorwurf aber, die Industriestaaten würden sich mit Projekten in Entwicklungsländern reinwaschen, greift ohnehin zu kurz. Denn erstens kann das Gesamtreduktionsziel eines Unternehmens derzeit nur zu etwas mehr als einem Fünftel aus CDM-Zertifikaten gedeckt werden; der weitaus größere Anteil muss durch eigene Einsparleistungen erreicht werden. Zweitens besteht bei CDM-Projekten der Anspruch, einen Technologietransfer von Industrie- in Entwicklungsländer zu gewährleisten. Und schließlich bringen CDM-Projekte wie in Vizag das Thema Klimaschutz in vielen Ländern überhaupt erstmals auf die öffentliche Agenda. »Die Kritiker denken oft zu eindimensional. Denn warum sollen Klimaschutzprojekte zum Beispiel in China per se schlecht sein?«, sagt Stephan Hild von der Abteilung Carbon Management Service bei TÜV SÜD in München. »In einem Land, dessen Strombedarf zu 80 Prozent aus dem Energieträger Kohle gedeckt wird, erzielen wir den besten Klimaeffekt, wenn wir dort den Umstieg auf Wind oder Wasser angehen.«
Die multinationale TÜV SÜD-Mannschaft aus Auditoren ist eine sogenannte DOE, eine »Designated Operational Entity«. Ihre Aufgabe ist es, die Wirksamkeit von CDM-Projekten vor der Registrierung bei der UNO zu prüfen und zu zertifizieren. Denn erst wenn das geplante Projekt das Kriterium der Zusätzlichkeit erfüllt, kann es weiterverfolgt werden. »Zusätzlichkeit« bedeutet, dass die Klimaschutzmaßnahme ohne die – erwarteten – Erlöse aus der Veräußerung der Emissionszertifkate nicht erfolgt wäre. »Dies festzustellen ist sicherlich der schwierigste Teil unserer Arbeit«, sagt Hild.
Dabei übernimmt TÜV SÜD im Rahmen der Validierung eines CDM-Projektes eine entscheidende Rolle, denn die Zertifizierung ist das wichtigste Instrument, um die Ernsthaftigkeit und die Glaubwürdigkeit von Projekten zu garantieren. Dementsprechend haben auch die Zertifizierer selbst das größte Interesse daran, in ihrer Wirkung nach außen deutlich zu machen, dass sie strengen Kriterien genügen. Die Emissionshandelsexperten von TÜV SÜD haben in den vergangenen acht Jahren mehr als 1.200 Projekte auf Basis des Kyoto-Protokolls bearbeitet, davon wurden 97 Prozent der von
TÜV SÜD begleiteten CDM-Projekte bei den Vereinten Nationen registriert. Darüber hinaus haben die Leser des britischen Wirtschaftsmagazins »Environmental Finance« TÜV SÜD in den in den Jahren 2007 und 2009 zum besten Verifizierungsunternehmen für Klimaschutzprojekte nach dem Kyoto-Protokoll gewählt.
In Entwicklungsländern wie zum Beispiel Eritrea stößt aber auch TÜV SÜD an Grenzen. Hier sollte ein Projekt zertifiziert werden, was aber aufgrund der schwierigen Sicherheitslage wieder auf Eis gelegt wurde. »Ab 2012 sollen die Least Developed Countries, die LDC, über den Emissionshandel stärker in CDM-Projekte eingebunden werden, um eine regionale Gleichverteilung zu gewährleisten«, sagt Hild, »was in bislang vom CDM wenig berücksichtigten Ländern und Sektoren, wie zum Beispiel Energieeffizienz oder Landwirtschaft, zu einem Aufschwung und Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung führen dürfte.«
Einfacher ist es natürlich – siehe das indische Glühlampenprojekt –, einen klimaschädigenden Faktor durch einen klimaschonenderen zu ersetzen. Weil schlichtweg sehr deutlich wird, mit welcher Maßnahme wie viel CO2 eingespart werden kann. Im konkreten Fall 400.000 Tonnen – das entspricht etwa der CO2-Emissionsmenge, die 40.000 Deutsche pro Jahr produzieren.


