Selbstbewusster Elefant
Artikel aus dem TÜV SÜD Journal 3/2010
![]() | Indien beeindruckt mit einer Wirtschaft, die ein stabiles Wachstum vorweist. Die Bedingungen sind gut, dass der Subkontinent zu einer neuen globalen Großmacht heranwächst. Doch es gibt auch Stolpersteine auf dem Weg nach oben. |
Wenn China ein Drache ist, dann ist Indien ein Elefant: auf den ersten Blick schwer zu erkennen, gemächlich, scheinbar immer ein wenig zu langsam – doch immer imposant und einmal in Bewegung, kaum aufzuhalten. Elefanten sind selbstbewusste Kreaturen. »Was gut ist für Indien, ist auch gut für die Welt«, stellte Manmohan Singh, indischer Premier seit 2004, kurz vor seinem Staatsbesuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober 2007 fest. Geht es selbstbewusster? Durchaus: »Einige Länder haben uns ihre Unterstützung angeboten. Falls wir ihre Hilfe brauchen, werden wir sie informieren«, erklärte der Premier einer erstaunten Weltöffentlichkeit, nachdem die gigantische Tsunamiwelle im Dezember 2004 auch Teile Südindiens zerstört hatte.
Indien will weder Entwicklungsland noch von der Hilfe Fremder abhängig sein. Immerhin kann der Staat ein Wachstum von real bis zu 6,5 Prozent im Krisen-Finanzjahr 2009/10 vorweisen, wie es die indische Zentralbank Reserve Bank of India (RBI), der Dachverband der Industrie, Confederation of Indian Industry (CII), oder die Asian Development Bank (ADB) vorrechnen. In den Jahren davor betrugen die Wachstumsratenstets knapp zehn Prozent.
Indische Konsumenten in Kauflaune
Der Aufschwung wird von einem guten Konsumklima gestützt. Indiens Mittel- und Oberschicht zeigt sich derart in Kauflaune, dass der im Oktober 2009 erhobene Nielsen Consumer Confidence Index den Subkontinent auf Rang 1 unter allen 52 weltweit betrachteten Ländern notiert. Das Analyseinstitut Centre for Monitoring Indian Economy (CMIE) erwartet für den aktuellen Zeitraum einen Anstieg der Konsumausgaben um real 4,7 Prozent. »Wenn Sie Gewinne machen wollen«, so der Innenminister Palaniappan Chidambaram, »dann kommen Sie zu uns.«
Unternehmer wie Lakshmi Mittal oder die Bruder Mukesh und Anil Ambani haben diese Gewinne gemacht. Mit ihren globalen Stahl- und Mischkonzernen haben sie sich jeweils einen Platz unter den Top Ten der »Forbes«-Milliardärliste gesichert. Sieben weitere indische Multimilliardäre sind unter den hundert reichsten Menschen der Welt aufgelistet. Welches Entwicklungsland kann das schon von sich behaupten?
Eine Tatsache, die gemeinsam mit den harten wirtschaftspolitischen Fakten einiges darüber aussagt, wie rasant sich gegenwärtig die globalen ökonomischen und politischen Gewichte neu auspendeln. Internationale Wirtschaftsexperten sehen den Subkontinent schon auf dem Sprung nach ganz oben, bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte Indien mit den USA, China, der EU und Japan zur ökonomischen Weltspitze gehören.
Schon heute investieren ausländische Unternehmen rund 30 Milliarden Euro jährlich in Indien. Jaguar und Rover, einst die automobilen Kronjuwelen des britischen Empire, gehören mittlerweile zum indischen Automobilhersteller Tata Motors. Im Nordwesten des Landes steht die größte Erdölraffinerie der Welt. »Entsprechend stolz ist man in Indien auf das Erreichte, daher rührt das enorme Selbstbewusstsein«, sagt Dr. Wolfgang-Peter Zingel vom Südasien-Institut der Universität Heidelberg. Sicher, das heute Erreichte brauchte seine Zeit, der Grundstein für den gegenwärtigen Boom wurde schon früh gelegt.
Bereits 1944 hatten indische Großindustrielle Vorschläge für die Nachkriegszeit vorgelegt, die eine »gemischte Wirtschaft« empfahlen. Jawaharla Nehru, von 1947 bis 1964 erster Ministerpräsident Indiens, war der Überzeugung, dass sich nur reiche Länder diesen Wettbewerb leisten konnten, Indien hingegen müsse seine knappen Ressourcen sorgfältig verwalten. Die Kernpunkte: Die Steuerzahler brachten das Kapital für die Schwerindustrie auf, der private Sektor konzentrierte sich auf die Konsumgüterindustrie, die eine rasche Rendite versprach. Es kam zu einer Symbiose von Privat- und Staatswirtschaft, in der ein zu scharfer Wettbewerb durch ein Lizenzsystem ausgeschaltet wurde.
Verspätete Wende in Richtung Marktwirtschaft
Der von der Kolonialregierung übernommene, aber nun mit indischen Beamten besetzte Verwaltungsapparat nahm sich dieser Aufgabe, die ihm gleichzeitig ein Plus an Macht einbrachte, an. »Damit wurden entscheidende Voraussetzungen geschaffen: Indien war um tatsächliche Unabhängigkeit bemüht und wollte die Ausländer auch aus der Wirtschaft heraushalten«, sagt Zingel. Es entstand ein stabiles System, das ein langsames, aber stetiges Wachstum garantierte. Der indische Wirtschaftswissenschaftler Raj Krishna prägte das geflügelte Wort von der »Hindu rate of growth«, der Hindu-Wachstumsrate, von 3,5 Prozent pro Jahr, die bei einem Bevölkerungswachstum von zwei Prozent immerhin circa 1,5 Prozent Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens pro Jahr bedeutete. Das ist Vergangenheit – spätestens seit das Land 1991 seine verspätete Wende zur Marktwirtschaft wagte und sich für Auslandsinvestitionen wieder öffnete.
Doch bei aller Euphorie ist auch eine gehörige Portion Realismus angebracht: »Bislang kann Indien sein Wachstumspotenzial nicht ausschöpfen, größter Hemmschuh ist die mangelnde Infrastruktur«, sagt Katrin Pasvantis, Indien-Repräsentantin von Germany Trade & Invest. Zwar investiere der Staat große Summen, dies sei aber noch nicht genug, um die gravierenden Mängel in den Bereichen Verkehr, Energie und Wasserver- und -entsorgung zu beheben. »Auch die Ausrichtung auf den Servicesektor ist Indiens Stärke und Schwäche zugleich «, so Pasvantis weiter. Das Land sei auf dem Sprung von einer Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft und laufe Gefahr, dabei weite Teile des Landes und der Milliardenbevölkerung zurückzulassen. »Millionen Hochschulabsolventen steht ein Vielfaches an Analphabeten gegenüber, und die industrielle Basis ist zwar breit, aber vergleichsweise wenig entwickelt und kann diese Masse nicht auffangen.«
Bei allem Selbstbewusstsein: Mehr als 25 Prozent der indischen Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, die von der Weltbank auf einen US-Dollar pro Tag festgelegt wird. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 3.100 US-Dollar (2009) rangiert das Land noch hinter der Mongolei und Irak. Die Korruption ist weit verbreitet: Die Nichtregierungsorganisation Transparency International ermittelte in ihrem jüngsten Korruptionsbericht Platz 84 für Indien. Zudem liegt die öffentliche Verschuldung bei knapp 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 52 Prozent der Beschäftigten arbeiten im primären Sektor, der Landwirtschaft. Kurz: »Die Unterschiede zwischen Reich und Arm, Stadt und Land, High- und Lowtech sind groß und verhindern bislang, dass Indien sein Potenzial voll ausschöpfen kann«, sagt Pasvantis. »Die größten strukturellen Probleme müssen gelöst werden: mangelnde Infrastruktur, geringe Bildung, Armut und limitierter Zugang zu medizinischer Versorgung.«
Dabei hat Indien eine entscheidende Gesetzmäßigkeit der Entwicklung »peripherer Volkswirtschaften«, also Entwicklungsländer, ad absurdum geführt. Natürlich war Indien ein Entwicklungsland und hätte dem Lehrbuch entsprechend die logische Reihe »Kapitalisierung der Landwirtschaft – Massenproduktion von Konsumgütern – solide Industriewirtschaft – prosperierender Dienstleistungssektor« durchleben müssen. Zugpferd der indischen Wirtschaft war und ist hingegen die Softwareproduktion und -anwendung. Indien ist darin die weltweit führende Nation. Nach der Gründung des »Software Technology Park« bei Bangalore wuchs die indische Softwareproduktion mit Wachstumsraten von jährlich 50 Prozent. Prognosen gehen davon aus, dass ihre Wertschöpfung bald bei mehr als 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen wird – wobei mehr als die Hälfte davon im Exportgeschäft erzielt wird.
»High Tech first!« scheint heute die branchenübergreifende Devise zu lauten. Inzwischen schließt auch die indische Biotechnologie zur Weltspitze auf, nachdem der Sektor liberalisiert und ausländische Anteile in Höhe von 74 Prozent genehmigungsfrei zugelassen wurden. Gleichzeitig scheint es so gut wie sicher, dass in einer möglichen industriell-technischen Revolution, durch den Einsatz der Nanotechnologie ausgelöst, die Inder ebenfalls an der Weltspitze agieren wurden. Ein enormer Wachstumsmarkt besteht auch bei Outsourcing-Dienstleistungen: Sogenannte Virtuelle Assistenten organisieren Verwaltungsabläufe in der Lombardei, verfassen Schriftsätze für britische Anwaltskanzleien oder Reden für US-Senatoren.
Indien wächst, China schrumpft
Rein demografisch wird Indien schon bis zur Jahrhundertmitte die globale Führungsposition einnehmen: Von den derzeit 1,12 Milliarden Indern ist die Hälfte noch nicht einmal 24 Jahre alt; nur fünf Prozent der Bevölkerung sind älter als 65 Jahre. In 40 Jahren wird Indien mit 1,6 Milliarden Menschen zur größten Nation der Erde angewachsen sein, dann haben die »Elefanten« die »Drachen« überholt. Denn als Folge der Ein-Kind-Politik schrumpft die Einwohnerzahl Chinas.
Bis dahin muss Indien einige Probleme anpacken. »Dazu gehören die Rückführung des hohen Haushaltsdefizits, die Befreiung des verarbeitenden Gewerbes von veralteten arbeitsrechtlichen Vorschriften, der Verkauf staatlicher Vermögenswerte und die Verwendung der frei gewordenen Gelder für Infrastrukturinvestitionen «, schreibt Teresita Schaffer, Direktorin des Südasien-Bereichs im Center for Strategic and International Studies in Washington. Derartige Schritte seien selbst unter günstigen Umständen schwierig, »werden in Indien jedoch durch die komplizierten politischen Koalitionsverhältnisse noch zusätzlich erschwert«, fügt Schaffer hinzu.
Dabei ist gerade das politische System Indiens einer der entscheidenden Standortvorteile: »Das Land hat eine relativ gut funktionierende Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine freie Presse«, sagt Dr. Wolfgang-Peter Zingel von der Universität Heidelberg. Weder das eine noch das andere kann die Kehrseite des indischen Booms über Nacht von der Agenda streichen.
Indien ist eben ein Land der Gegensätze – mit weltweit begehrter Hightech auf der einen und einer kaum zu durchdringenden Armutsspirale auf der anderen Seite. Ein reiches Land mit armen Menschen. Kann ein Land mit 28 Bundesstaaten, sechs Religionen, 18 Hauptsprachen und 1.600 Dialekten eine Weltmacht sein? »Derzeit ist es noch zu früh, um Indien als Weltmacht zu bezeichnen«, glaubt Teresita Schaffer, »sein großer militärischer Einfluss in Südasien sowie seine blühende Wirtschaft und globalen Ambitionen könnten dem Land künftig aber einen weltpolitischen Status von großer Bedeutung verleihen.«


