Kalkuliertes Risiko
Artikel aus dem TÜV SÜD Journal 3/2010
| Explosionen in Industrieanlagen, Vulkanausbrüche, Sturmfluten: Technische Katastrophen und Naturgefahren bergen enorme Gefahren und sind für die Unternehmen mit hohen Kosten verbunden. Die Vorhersage wird immer wichtiger. Doch wie lassen sich Risiken abschätzen? |
Die Erde bebte in Haiti mit ungekannter Stärke: Wert 7 auf der Richterskala. Die Katastrophe kostete nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis zu 300.000 Menschen das Leben, 1,2 Millionen wurden obdachlos. Solche Naturkatastrophen treffen die Bevölkerung ins Mark – und meist werden Rufe nach besserer Vorhersage laut. »Erdbeben können nicht vorhergesagt werden«, weiß Prof. Dr. Bruno Merz vom Helmholtz-Zentrum in Potsdam. »Auf der einen Seite nehmen Naturkatastrophen seit Jahren kontinuierlich zu, auf der anderen Seite steigt die Verletzlichkeit der Gesellschaft, ihre Vulnerabilität«, so Merz weiter. Durch die zunehmende technische und wirtschaftliche Verflechtung werde die Bevölkerung anfälliger für Risiken, das Ausmaß des Schadens größer. »Vor allem Europa ist immer dichter besiedelt und stärker vernetzt«, stellt der Experte fest.
Wie gravierend diese Abhängigkeiten bereits sind, zeigte auch der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull Mitte April. Denn wenn ein Vulkan auf Island explodiert, sei das »physikalisch gesehen eigentlich keine große Sache«, so Merz. Trotzdem kam in Europa der komplette Flugverkehr zum Erliegen. Schätzungen zufolge entstand den Fluggesellschaften ein Schaden von bis zu 2,5 Milliarden Euro. Hochkomplexe Zusammenhänge kamen hier zum Tragen, denn auch alle Wirtschaftszweige, die von Luftfracht abhängen, erlitten massive Ausfälle. So musste ein Automobilhersteller zeitweise die Produktion in einem seiner Werke in Deutschland stoppen, weil wichtige Elektronikteile nicht mehr geliefert werden konnten.
Lernen mit jeder Katastrophe
Dabei kommen solche Ereignisse nicht so urplötzlich, wie es scheint. »Naturkatastrophen lassen sich, was die Ereigniswahrscheinlichkeit angeht, gut kalkulieren. Denn sie folgen Gesetzmäßigkeiten«, sagt der Leiter der Abteilung Georisikoforschung bei der Rückversicherung Munich Re, Prof. Dr. Peter Höppe. »Wir lernen auch aus jedem Ereignis, denn jede Naturkatastrophe ist anders und bringt neue Erkenntnisse.«
Die Kalkulation des Risikos im Vorfeld basiert auf der Abschätzung der Gefährdungssituation. Die Forscher berechnen, wie wahrscheinlich der Eintritt eines Ereignisses einer bestimmten Intensität ist und welche Schäden durch bestimmte Intensitäten der Naturgefahren zu erwarten sind. Georisikoforscher entwickeln verschiedene Szenarien, die die Auswirkungen von Naturkatastrophen unterschiedlicher Schwere modellieren. Die Wissenschaftler sammeln Daten, führen Berechnungen durch, werten vorangegangene Katastrophen und ihre Schäden aus und ziehen verschiedene Vorhersagemodelle heran. Dabei ist Naturkatastrophe nicht gleich Naturkatastrophe. Der größte Unterschied existiert zwischen geophysikalischen Ereignissen – also Erdbeben, Vulkanausbrüchen sowie Tsunamis – und wetterbedingten Ereignissen. »Unsere Statistik zeigt, dass die Zahl der geophysikalischen Ereignisse weitgehend konstant bleibt, während die Zahl der wetterbedingten Naturkatastrophen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Deshalb glauben wir auch: Der Klimawandel wirkt sich bereits aus«, sagt Höppe. »Vulkanausbrüche lassen sich verhältnismäßig gut vorhersagen, auch bei Überschwemmungen haben wir sehr leistungsfähige Modelle«, erläutert Prof. Dr. Merz aus der Forschungspraxis.
Technische Sicherheit verbessern
Dabei verursachen nicht nur die Naturgewalten verheerende Schäden, auch technische Unglücke fordern Menschenleben und schädigen die Umwelt. So geschehen bei der Explosion der Bohrplattform »Deepwater Horizon« im Golf von Mexiko im April. Sie riss eine toxische Wunde in den Meeresgrund, über Wochen strömten täglich mehrere Millionen Liter Öl ins Meer. Das Unglück kostete elf Menschen das Leben und verursachte durch den entstehen-den Ölteppich die wohl größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA. Die Schäden werden auf einen zweistelligen Milliarden-Dollar-Betrag geschätzt. Ein Unglück, das vermeidbar gewesen wäre?
Um die Sicherheit technischer Anlagen, Gebäude und Einrichtungen zu erhöhen, helfen unabhängige Firmen wie die international tätige Global Risk Consultants den Unternehmen, Risikobereiche zu identifizieren, überprüfen Konstruktionspläne und schlagen Schutzmaßnahmen vor. Um beispielsweise die Sicherheit einer Industrieanlage zu kalkulieren, können Größen wie die bauliche Beschaffenheit, Brandlasten, technische Schutzvorrichtungen oder die Erdbebenwahrscheinlichkeit in die Beurteilung mit einbezogen werden. Auch Wetterdienste mit Informationen zu Stürmen und Unwettern werden ständig hinzugezogen. Genau analysiert werden auch die Risiken für innovative Technologien wie Offshore-Windanlagen: Da deren Lage weit auf dem Meer ist, sie tief unter dem Wasserspiegel verankert sind, können zudem Stürme die Anlagen beschädigen.
Dabei dürfte der Klimawandel die Gefahr von Naturkatastrophen anheizen. Experten erwarten, dass an den US-Küsten die Gefährdung durch Winde mit Orkanstärke weiter steigt. In Europa werden eher Unwetter mit Starkregen und Hitzewellen wahrscheinlicher. Die volkswirtschaftlichen Schäden, die durch wetterbedingte Naturkatastrophen in den letzten zehn Jahren entstanden, sind immens: Sie betragen rund 90 Milliarden US-Dollar jährlich.

