Auf leisen Reifen über die Alpen
Artikel aus dem TÜV SÜD Journal 3/2010
| Die Ausdauer und Zuverlässigkeit von Elektrofahrzeugen zeigen und die Menschen für die neue Technologie begeistern: Das ist das Ziel der e-miglia 2010. Die weltweit erste Rallye für E-Autos führt im Sommer von München nach Norditalien – und hat mit mehreren Alpenpässen einige echte Härtetests im Programm. |
Fahrer historischer Sportwagen oder US-Straßenkreuzer aus den 1960er-Jahren kennen das: die bewundernden Blicke anderer Verkehrsteilnehmer, das leise Raunen der Gäste eines Straßencafés, wenn sie mit ihren Autos langsam vorbeifahren – meist mit imposantem Motorengedröhn. Fahrer von Kleinwagen kommen selten in den Genuss von so viel Aufmerksamkeit – aber mit diesem Fahrzeug ist alles anders. Wo immer das bunt beklebte Auto auf Basis eines Fiat 500 anrollt, drehen sich die Menschen nach ihm um: in Telfs in Tirol, in Steinach am Brenner oder in der eleganten Kurstadt Meran. Elektroautos sind auf den Straßen immer noch selten – erst recht ein so auffälliges wie der Karabag 500 E, auf dessen Motorhaube und Kotflügeln mehrere TÜV SÜD-Logos und der Schriftzug »e-miglia 2010« prangen.
Dabei ist der Karabag 500 E nur ein Vorbote: Anfang August wird eine ganze Kolonne ähnlicher Fahrzeuge durch die Berglandschaft rollen und interessierte Blicke auf sich ziehen. Es werden meist Kleinwagen sein, unbekannte Fabrikate wie die Autos der norwegischen Firma Think oder Umbauten von Fahrzeugen, die ursprünglich für Verbrennungsmotoren konzipiert wurden. Autos, die über keinen Auspuff und keinen Tank verfügen, aber eine Steckdose integriert haben. Die Kühe auf den Weiden am Straßenrand und die Wanderer auf den Spazierwegen im Tal werden von den Fahrzeugen nicht mehr hören als von den zahlreichen Rennrad- und Mountainbikefahrern, die um diese Jahreszeit für gewöhnlich ihre Fitness beim Anstieg auf die Alpenpässe stählen: nur das leise Brummen, das durch die Reibung der Reifen auf dem Asphalt erzeugt wird.
Im Sommer findet die weltweit erste Rallye für Elektrofahrzeuge statt: die e-miglia 2010. Rund 30 Teams aus ganz Europa werden sich Anfang August 2010 auf den Weg von München nach Rovereto in Norditalien machen – Elektrofahrzeuge mit zwei, drei oder vier Rädern. Die mehr als 500 Kilometer lange Route führt durch schöne Natur- und Berglandschaften in Deutschland, Österreich und Italien und überwindet dabei den Alpenhauptkamm sowie mehrere Pässe.
Legendäre Straßenrennen als Vorbilder
Schon der Name der Veranstaltung soll Emotionen wecken. Er erinnert an die Mille Miglia, eine Rallye, die von 1927 bis 1957 in Italien stattfand. Vom Startpunkt Brescia unweit des Gardasees starteten die modernsten Sport- und Tourenwagen ihrer Zeit Richtung Rom. Rund tausend Meilen – etwa 1.600 Kilometer – mussten sie auf meist unbefestigten Straßen bewältigen. Das legendäre Straßenrennen wurde in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts als touristische Veranstaltung wiederbelebt.
Die Idee, mit einer mehrtägigen Rallye die Zuverlässigkeit einer neuen Technologie medienwirksam zu beweisen, ist aber viel älter. Anfang des 20. Jahrhunderts fuhren nur wenige Autos auf Europas Straßen. Sie galten gegenüber der Pferdekutsche als unzuverlässig. Der Deutsch-Engländer Hubert von Herkomer, in London als Porträtmaler zu großem Reichtum gekommen, wollte die Entwicklung sportlicher und strapazierfähiger Tourenwagen fördern. 1905 startete die erste Herkomer-Konkurrenz, das älteste Tourenwagenrennen der Welt. Am Start waren damals Vertreter der regierenden Königshäuser von Preußen und Bayern und industrielle Pioniere wie August Horch, Heinrich Opel oder Vincenzo Lancia. Über eine Streckenlänge von knapp 1.000 Kilometern bewiesen die angetretenen Autos öffentlichkeitswirksam, dass sie mehr waren als sportliche Spielzeuge: nämlich zuverlässige Verkehrsmittel.
Diesen Beweis möchte der sportlichen Leiter der e-miglia, Richard Schalber, auch für E-Mobile erbringen: »Elektromobilität gilt oft als etwas langweilig. Mit einer Sportveranstaltung wollen wir zeigen, dass die Technologie nicht nur für den innerstädtischen Verkehr taugt. Wir wollen zeigen, dass E-Autos sportlich und sexy sein können und sich nicht hinter Verbrennungsmotoren verstecken müssen.«
Die Route der Rallye ist dabei durchaus anspruchsvoll: Von München führt sie über den Hohen Peißenberg nach Füssen, dem Ziel der ersten Etappe. Über den Fernpass und Innsbruck geht es weiter nach Südtirol. Auf der Alpensüdseite müssen dann gleich mehrere kapitale Pässe bewältigt werden: 1.100 Höhenmeter geht es von Sterzing den Jaufenpass hinauf, etwa der gleiche Höhenunterschied ist von Bozen auf den Mendelpass zu bewältigen, rund 900 Höhenmeter sind es von Trient auf den Folgariapass. Ziel der Rallye ist Rovereto, ein 40.000-Einwohner-Ort etwa 20 Kilometer östlich des Gardasees. Für moderne Benziner oder Dieselfahrzeuge kein Problem – aber für E-Mobile? »Es ist zu schaffen«, sagt Schalber, der die Strecke mehrfach mit E-Autos verschiedener Fabrikate abgefahren ist.
Reiz der gemäßigten Geschwindigkeit
Tagesetappen zwischen 120 und 140 Kilometern dürften den einen oder anderen Akku allerdings durchaus an seine Grenzen bringen. Immerhin geben die meisten Hersteller für ihre Fahrzeuge Reichweiten zwischen 100 und 150 Kilometern an. Daher hat Schalber auf jeder Tagesetappe unterwegs eine Ladestation vorgesehen, an denen die Stromer bis zu vier Stunden aufgeladen werden dürfen. »Trotzdem kommt es ganz entscheidend auf den Fahrer an. Nur wer defensiv und sparsam fährt, wird die Anstiege auf die Pässe schaffen. Und wer bei der Abfahrt von den Pässen Energie verbraucht, statt über die Bremsen den Akku wieder aufzuladen, hat wenig Chancen.«
Schalber rechnet mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit um 45 km/h – kein Vergleich zu den Geschwindigkeiten, denen er in seiner Jugend zugetan war: Als Enduro- und Moto-Cross-Fahrer hatte Schalber in den 1970er- und 1980er-Jahren mehrere nationale und internationale Meistertitel errungen. Bei den Vorbereitungen der e-miglia hat er aber den Reiz der Langsamkeit entdeckt. »Man kommt auch mit geringeren Geschwindigkeiten vorwärts und ist insgesamt viel entspannter als bei aggressiver Fahrweise.«
Rund elf Stunden reine Fahrzeit werden die e-miglia-Autos für die landschaftlich reizvolle Strecke benötigen. Der Sommerurlauber, der über Inntal- und Brennerautobahn von München nach Rovereto rauscht, schafft die Distanz in einem Drittel der Zeit.
Sportliche Herausforderung und Marketingzweck paaren sich bei der e-miglia. In den Landeshauptstädten von Bayern, Tirol, Südtirol und Trentino wird die Rallye Station machen. Die Kommunen planen teilweise Empfänge für die Teilnehmer. Und für die Menschen an der Strecke ergeben sich vielleicht ganz neue Geschäftsmöglichkeiten: Ein Hotelier am Fuß des Fernpasses überlegt bereits, in Eigeninitiative eine Aufladestation für E-Autos und -Fahrräder einzurichten. Immerhin benötigt das Befüllen der Akkus mehrere Stunden – genug Zeit für ein Mittagessen oder eine Übernachtung.

