Im Rausch der Sentimentalität
Artikel aus dem TÜV SÜD Journal 2/2010
| Auch wenn die meisten Oldtimer-Freunde täglich mit modernen Neuwagen unterwegs sind, gilt ihre Leidenschaft den alten Modellen, für die sie viel Zeit, Geld und Energie aufbringen. Bei regelmäßigen Ausfahrten erfahren sie pure Nostalgie und viel Autogefühl. |
Menschenansammlungen im oberösterreichischen Steyr. Schaulustige säumen die Straße, klatschen und winken. Eine Kolonne von Oldtimer-Juwelen, vom Jaguar über BMW bis zum Aston Martin, schlängelt sich die Romantikstraße entlang – eine touristische Strecke, die Wien mit Salzburg verbindet – vorbei am Dom, dem Fluss Steyr, der hier in die Enns mündet. Es ist sommerlich, die Sonne spiegelt sich im funkelnden Lack – gebührend einer Ausfahrt dieser betagten Fahrzeuge des Allgemeinen Schnauferl-Clubs (ASC) Südbayern. 1900 gegründet, ist er der älteste Oldtimer-Club Deutschlands. »Schnauferl deshalb, weil die Vorkriegsmodelle Motorengeräusche von sich gaben, die sehr stark an ein Schnaufen erinnerten«, sagt Stephan Schuster, Schriftführer und Sportbeirat des ASC Südbayern, der größten der 14 deutschen Landesgruppen mit rund 300 Mitgliedern.
Namhafte Vorfahren
Schusters Oldtimer schnauft ganz und gar nicht. Er fährt einen Jaguar »S«, Baujahr 1966, in der Originalfarbe »opal-escent blue«. »Sogar bei 250 Umdrehungen pro Minute läuft der noch absolut rund«, schwärmt Schuster. In den Jahren 1999 bis 2000 brachten Restauratoren in England den Wagen wieder in Schuss, die Karosserie ist makellos, die Original-farbe perfekt wiederhergestellt. »So gut restaurierte S-Type sind selten, denn bei diesem Wagentyp fallen meist hohe Kosten an«, sagt Schuster und nennt eine astronomische Summe. Sein Wagen gehörte zuvor unter anderem Christian Nannen, dem Sohn des »Stern«-Gründers.
»Den Jaguar hab ich mir auch wegen des Armaturenbretts gekauft«, berichtet Schuster und zeigt stolz auf den luxuriös ausgestatteten Innenraum. »Ein aufwendig gestaltetes Wurzelholzarmaturenbrett – eines der schönsten je verarbeiteten.« In seiner Mitte lässt sich ein Tischchen für die Kartenablage ausziehen. »90 Prozent seiner Zeit verbringt man sowieso im Wagen«, sagt er. Schade eigentlich, denn der Jaguar »S« ist auch von außen ein Schmuckstück: Die Front wirkt durch die integrierten Blinker, die schmale Stoßstange und die in die Karosserie eingebetteten Front- und Nebelscheinwerfer sehr elegant. Eine Plakette des ASC, verliehen 2007 als Anerkennung für die Ausrichtung der Ausfahrt zur »Coppa d`Oro delle Dolomiti« in Cortina d’Ampezzo, einer Oldtimer-Rallye über die schönsten Pässe der Dolomiten, blinkt auf dem Kühlergrill. Und auch unter der Haube hat der S-Type etwas zu bieten: 3,8 Liter Hubraum bei 157 PS – das entspricht 115 kW – machen es nicht gerade leicht, Stephan Schuster immer auf Augenhöhe zu folgen.
Hochwertiges Rahmenprogramm
Mit seiner 20-jährigen Tochter Aurelia, seit 2007 »Schnauferldame« des ASC, nimmt Schuster häufig an Ausfahrten teil. Oft sind es sogar richtige Rallyes mit Zeitmessungen, Parcoursfahrten und Fahrerwertungen. »Der Sieger einer Rallye beim ASC muss in den meisten Fällen die nächste ausrichten«, erzählt er, grinst und schiebt ein »von daher besser nicht gewinnen« hinterher. Mehrere Male fährt man so eine Strecke im Vorhinein ab, um für die Teilnehmer ein fehlerfreies Roadbook zu erstellen – mit einem Navigationsgerät ist hier niemand unterwegs. Natürlich bedürfe es auch immer eines ausgeklügelten kulturellen und kulinarischen Programms, Unterkünften, Besichtigungen und Parkplätzen, über Nacht nur in gesicherten Garagen.
Auch an diesem Wochenende scheint der Wettergott ein Oldtimer-Fan zu sein. Der Tourenplan führt die strahlenden Autos von der alten Römerstadt Wels über das Stift Kremsmünster, die barocke Altstadt von Steyr durch das Ennstal zum Benediktinerstift Admont, wo schließlich die Besichtigung der größten Klosterbibliothek der Welt auf dem Kulturprogramm steht. Die Rückfahrt führt über den Pyhrnpass durch malerische Täler, die an diesem Samstag kein Künstler hätte schöner zu Papier bringen können.
Berufen für britische Boliden
»Für mich ist das Thema Auto eine Art Berufung«, erzählt Jan Korcian, technischer Referent beim ASC. Der promovierte Maschinenbauer ist mit einem Jaguar XJ6 unterwegs. Baujahr 1977, Hubraum 4,2 Liter. Seit 29 Jahren nennt er den roten Sportwagen sein Eigen. Keine Klimaanlage, Handschaltung, Viergang mit Overdrive, einer Art Turboknopf. »So viele kann es von diesen Autos nicht mehr geben. In Actionfilmen rasen diese Modelle ständig Böschungen runter«, sagt er. Er hat sich auf britische Modelle festgelegt: »Die sind elegant, haben Charme und eine wunderschöne Form. Auch wenn ein Jaguar oft als protzig angesehen wird.« Ein Käfer oder Einser Golf, die Korcian auch zu seinem Oldtimer-Bestand zählt, seien in der öffentlichen Wahrnehmung viel sympathischer.
Die Liebhaberstücke werden im Winter eingelagert. »Ich mache immer drei Kreuze, wenn mein Jaguar wieder ein Jahr geschafft hat«, sagt Korcian. Für so eine Ausfahrt müsse er oft drei bis vier Tage »schrauben«. »Aber dafür versöhnt das Fahrgefühl für all die Arbeit.« Auch in diesem Jahr hat er es wieder geschafft, seinen Briten für den Frühling fit zu bekommen. Eine Jugenderinnerung sei es, beschreibt er sein Empfinden hinterm Steuer, Jugendwünsche gingen in Erfüllung, auch ein wenig Vergangenheitssentimentalität. »Das ist pures Autogefühl, reines Technikerlebnis, ohne ABS, ohne Servolenkung. Motorengeräusche durfte man noch hören, den Motor riechen und fühlen«, schwärmt Korcian.
Reines Technikerlebnis
Für die Liebe zu den alten Weggefährten hat auch Lars Kammerer, Marketingleiter bei TÜV SÜD Auto Service, seine Erklärung: »Es gibt ganz unterschiedliche Gruppen von Oldtimer-Besitzern: die rennsportorientierten oder diejenigen, die gerne ein Stück eigene Jugend besitzen, etwa das erste Auto mit 18.« Besitzer von Youngtimern – Fahrzeuge, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind – seien eher am Retro-Look und der Alltagstauglichkeit der Fahrzeuge orientiert. »Und dann gibt es noch Sammler, die einen Oldtimer als Wertanlage sehen.«
Über 300.000 mit H-Kennzeichen zugelassene Oldtimer sprechen für einen Boom in der Szene. »In Deutschland gibt es 4,3 Millionen aktiv Oldtimer-Interessierte – Tendenz steigend«, so Kammerer. Für das Kennzeichen muss ein Fahrzeug mindestens 30 Jahre alt und als »kfz-technisches Kulturgut« anerkannt sein. Voraussetzung dafür ist ein Gutachten gemäß Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO), das bestätigt, dass das Fahrzeug in einem guten Erhaltungszustand, weitgehend im Originalzustand oder gekonnt restauriert ist.
TÜV SÜD erstellt unter anderem Gutachten, die Oldtimer-Besitzer für ein H-Kennzeichen benötigen. Daneben bietet das Unternehmen zahlreiche weitere Services – unter anderem einen speziellen Datenblatt-Service. »Unsere Datenbank enthält fast alle europäischen Modelle bis 1980 und sehr viele aus den USA«, sagt Matthias Gerst, Oldtimer-Experte bei TÜV SÜD Auto Service. »Will jemand einen Oldtimer kaufen, hat aber keinen Fahrzeugschein und keine Daten, können wir ihm mit unserer Sammlung gezielt weiterhelfen«, so Gerst. Und damit beginnt schließlich eine ganz besondere Beziehung zwischen Fahrzeug und Fahrer – eine Beziehung, deren Innigkeit man auf einer Oldtimer-Ausfahrt spüren kann.

